Heute bin ich ganz MUTig….

Von der Vision zur Mission …. ein langer Weg – mit viel Mut und Kraft…

Hier veröffentliche ich zum allerersten Mal einen Teil meines Lebens- und aus dem meines Vaters, der für mich eine wichtige Kehrtwende in meinem Leben bedeutete.

Sehr intim gebe ich einen Einblick in das, was 2009/2010 sich ereignete…

Es war der 23.09.2009

Der 23.09. 2009

Ein Anruf meiner Mutter.

Wir sind gerade beim Hausarzt…gleich auf dem Weg ins Krankenhaus….

Was?

Wer?

Was ist passiert?

Mein Vater hatte starke Kopfschmerzen- ganz starke- ganz dolle- richtig dolle….

Er saß in der Aufnahme- gemeinsam mit meiner Mutter- als ich dazu kam… und weinte vor Schmerzen… mein Vater- der sonst noch nie in seinem Leben krank war…

Gerade eine Woche zuvor feierten wir meinen Umzug in eine neue Wohnung- und dass ich die Trennung von meinem damaligen Mann endlich vollzogen hatte, also auch in ein neues Leben….

Und dann- sitzen wir hier in Moers…in der Notaufnahme des Krankenhauses. Schnell wird klar, dass er hier nicht mehr lange sitzen wird, da es ihm zusehends schlechter geht…. Ich versuche – das Krankenhauspersonal davon zu überzeugen, dass mein Vater nicht mehr lange sitzen kann und wird. Das Personal sieht das nach einer Weile genau so und so dürfen wir etwas zügiger in die Notaufnahme vorrücken…. Und er sich hinlegen… das geht schon etwas besser – aber die Schmerzen werden immer unerträglicher für ihn…. SO habe ich meinen Vater noch nie gesehen…. Nein. Ich fühle mich im falschen Film- denn auch meine Mutter braucht nun Hilfe- sie hat ihren Mann auch noch nicht in diesem Zustand erlebt…

Eine Untersuchung jagt nun die nächste, und nach einem ganzen Tag steht fest: Ein Glioblastom hat es sich in seinem Kopf gemütlich gemacht und ist auf Tennisballgröße herangewachsen…

Der Chefarzt kommt, erklärt es meinem Vater und uns recht unverblümt, sagt, es wird alles Weitere für eine Verlegung in eine andere Klinik vorbereitet und verschwindet…. Verschwindet…einfach so, ohne ein weiteres Wort…. Sprachlosigkeit macht sich breit….ein Oberarzt bittet mich vor die Türe. Er rät mir hinter vorgehaltener Hand, diesen Krebs zu Googeln, hält mich für besonnen, und gibt mir den Rat, keine Operation machen zu lassen….. ok..

Googlen? Ernsthaft… na gut. Schnell finde ich viele Artikel- viel Material zum Lesen und verstehe langsam, was gemeint war mit diesem Ratschlag. Keine Chance, schnelles Wachstum. Das ENDE.

WAAAAAAS? Gefühlt mitten im Leben soll nun Schluss sein? Einfach so?

Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt sehr aktiv unterwegs, entweder in ihrer Ferienwohnung im Sauerland oder auf Reisen anderswo…sie waren gern unterwegs…und wollten ihren Ruhestand genießen…. Und das sollte so plötzlich aus sein?

Es blieb uns nicht mehr viel Zeit….. das ahnte ich schon…

Umso wichtiger war es meinem Vater und mir, das wir gemeinsam seine Verwaltertätigkeit abwickelten soweit es ging, das wir uns um Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung kümmerten und sogar uns über die Beerdigung unterhalten haben… dabei wurde ich durch die vorhergehenden Todesfälle in der Familie bestens vorab von meinem Vater eingearbeitet- wie ich später feststellen musste..

In dieser Zeit – in dieser schweren Zeit – kamen sich mein Vater und ich so unendlich nah- wir sprachen offen und ehrlich über sehr viele Dinge, lachten und weinten gemeinsam und genossen den gemeinsamen Abschied voneinander.

Was er aber unbedingt wollte, das war eine OP. Diese wollten die Ärzte machen, sagten aber schon vorher, dass dies keine leichte OP werden würde, denn der Tumor lag sehr ungünstig…. Aber er wollte es unbedingt und fragte mich dann aber, ob ich am Tage der OP kommen würde um ihn bis zum OP zu begleiten…. Er hatte Angst, und ich glaube, er hat von Anfang an mit seinem Schicksal gespielt, und gehofft, diese OP nicht zu überleben…. Aber- es sollte ganz anders kommen…..

Am Tag der OP – er war auch noch der erste – und, wer mich kennt, der weiß, wie schwer es mir fällt sooooo früh aufzustehen…. Bin ich aber für meinen Vater und auch für mich in die Klinik gefahren und habe ihn in den OP begleitet. Wir haben uns bereits an dieser Stelle voneinander verabschiedet- das- wusste ich allerdings erst hinterher….

Die OP dauerte unendlich lange – er hat es überlebt – aber- das Glioblastom konnte nicht komplett entfernt werden. Er landete für Tage auf der Intensivstation, danach auf der Überwachungsstation…. Der Hirndruck stieg ständig an, so dass ziemlich bald in drei weiteren OPs zuerst das Wasser abgezogen wurde und dann zwei „Biene Maja-Antennen“ in den Kopf gebracht wurden, wo das überschüssige Wasser jederzeit abgezogen werden konnte…. Mein Vater erlang das Bewusstsein nicht wieder….. und wurde irgendwann wieder in das Ursprungs-Krankenhaus überführt….

Es dauerte nicht lange … etwa vier Wochen später nach der OP- wurde ein CT gemacht – und hier erkannte man- der Scheißkerl ist wieder da… größer als zu Beginn… und so kam es an einem Sonntag im Oktober dazu, dass ich einen Anruf bekam: „Wir möchten Sie informieren, dass ihr Vater heute noch in die Klinik in Duisburg zurückgeführt wird zwecks weiterer OP“…. Wie jetzt lediglich informiert? NEIN! Bevor ich nicht mit einem Arzt gesprochen habe, wird er nirgendwo hin transportiert- sage ich… und nun beginnt ein langes Gespräch in dessen Ende ich feststelle: „ SIE WARTEN!!! Ich bin in 10 Minuten da- sehen sie zu das dann auch ein Arzt da ist, mit dem ich sprechen kann. Ich will auch die Bilder sehen. Ich habe alle nötigen Befugnisse dazu, und wenn nötig gehe ich vor Gericht.“

Also flog ich …mit dem Auto schnell wie der Blitz zu Krankenhaus, mit tausend anderen Gedanken im Kopf…. Dort angekommen musste ich auf einen Arzt warten, der mir die Situation erklärte und das sofort und unverzüglich gehandelt werden müsse ….. und hier begann mein Kampf…. Der bisher schlimmste meines Lebens…. Und anstatt hier an dieser Stelle spätestens Unterstützung zu erfahren als Erkrankter und Angehöriger, musste ich noch in einen Kampf einsteigen…

Ich habe mit meinem Vater vorher alles besprochen. Ich wusste was er möchte und was nicht. Ich kann auch Bilder sehen- vor allem wenn da ein Tumor innerhalb von vier Wochen von fast nichts auf noch mehr als Tennisballgröße gewachsen ist… und aufgrund der immer noch mehr als beschissenen Lage wieder sicher ist, dass nicht alles entfernt werden kann…. Was also soll das?

Menschenunwürdig musste ich mit dem Chefarzt der Abteilung auf dem Flur des Krankenhauses bei geöffneter Zimmertüre diskutieren- mein Vater- der seit vier Wochen ohne Bewusstsein war- bekam doch dennoch alles mit, außerdem alle Menschen die in dieser Zeit auf dem Flur vorbei gegangen sind… kämpfen musste ich, das sein Wunsch in Erfüllung geht, das ich überhaupt ernst genommen wurde, das ich verstehe worum es geht, das ich ihn nicht weiter leiden lassen möchte, auch wenn ich mir mehr als alles auf der Welt gewünscht hätte, das mein Vater bei uns bleibt.

Für meine Mutter war dies alles zu viel…. Und – weil uns ja auch NIEMAND -außer Freunden- zur Seite stand, musste ich auch sie unterbringen lassen, in der Psychiatrie. Sie stand in diesen Tagen mit einem Messer vor mir und wollte sich selbst umbringen…aus vielen unterschiedlichen Gründen….

Kämpfen, alleine- gegen den Chefarzt- das habe ich geschafft. Dieser Kampf hieß gleichzeitig- das Ende für meinen Vater zu besiegeln.  Ich habe für ihn ein Hospiz gefunden- das große Glück- eine Erleichterung für mich- und auch für meinen Vater. Hier hatte er noch ganze 10 Wochen…. Wundervolle Wochen in einer liebevollen Umgebung mit herzlichen Menschen, die ihren Job mit voller Hingabe machen…. Dort- dort haben wir eine Begleitung erfahren- Spiritualität- und auch ich wurde dort aufgefangen…. Für meine Mutter war dieser Weg sehr schwer, es war ihr nicht möglich, zu verstehen, was gerade passierte… sie war voller Beruhigungsmittel…. Wir haben im Hospiz das letzte Weihnachtsfest gemeinsam gefeiert und auch den letzten Geburtstag von meinem Vater ganz besonders gefeiert…ich habe mich getraut, die ganze Familie einzuladen und Freunde- weil ich schon damals fand- das wird der letzte Geburtstag sein- den muss man doch extra feiern…. Ja, das haben wir gemacht….

Fünf Tage nach seinem letzten Geburtstag starb mein Vater. Ich war nicht bei ihm- körperlich- aber wir waren in dem Moment sehr innig vereint- ich wusste das der Anruf aus dem Hospiz gleich kommen musste….

Warum erzähle ich Dir diese Geschichte?

Es ist die Geschichte einer Krebserkrankung aus der Sicht einer Angehörigen- aus meiner Sicht…

Diese meine Geschichte hat mein Leben verändert. Grundlegend. Meine Einstellung. Meine Haltung.

Ein sehr guter Freund schrieb mir eine Karte zur Beerdigung mit den Schlussworten: Wenn ein Elternteil stirbt, wird man ein Stück mehr erwachsen… stimmt… er hat Recht und ich bin ihm Dankbar für diesen Blickwinkel – und auch dankbar für seine Begleitung in dieser schweren Zeit.

Ich bin meinem Vater so unendlich DANKBAR, wir hatten ein SuperGUTE Zeit gemeinsam, er hat mir vieles mit auf den Weg gegeben. Er gibt mir auch heute noch so vieles und ich bilde mir ein, er ist auch heute noch an meiner Seite. ER hat dafür gesorgt, dass ich in meinem Leben meine Berufung gefunden habe. Und meinen Platz im Leben.

Dieser schweren Zeit folgten- auch aufgrund der kurz zuvor statt gefundenen Trennung und den damit einhergehenden Problematiken – diesen Zeiten folgten noch schwerere Zeiten, in denen ich so manches Mal auch meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich habe sehr lange gebraucht um wieder in die Spur zu kommen. Aber – ich habe mir auch die Zeit genommen- und heute weiß ich, es hat sich gelohnt.

Und aus dieser Geschichte heraus verstehst du nun vielleicht, warum mir eine psychoonkologische Grundversorgung sehr wichtig ist… und warum ich mich dafür einsetzen möchte….damit es andere Menschen in dieser schweren Situation einfacher haben werden….